Harter Lockdown

Hinweis: In der Kategorie Kolumne bieten wir eine Plattform für einzelne Mitglieder:innen, ihre ganz persönliche Meinung - durchaus auch einmal sehr pointiert - zu äußern und zu veröffentlichen. Dabei handelt es sich aber weder um die offizielle Meinung der Fraktion noch des Ortsverbands.

Michael Müller (reg. BgM von Berlin) hat heute gesagt, der Lockdown kommt erst am Mittwoch, damit sich jeder darauf vorbereiten kann.

Wie cool wär’s gewesen

Wie cool wär’s gewesen, wenn wir schon nach dem letzten Lockdown angefangen hätten, uns vorzubereiten? Wenn uns die verantwortlichen Politiker:innen nicht monatelang vorgegaukelt hätten, dass es keinen zweiten harten Lockdown geben würde. Ja, dass es ihn nicht geben könne, weil wir ihn auch gar nicht verkraften würden? Oder trügt mich meine Erinnerung?

Die Monate hätten wir nutzen können, um lokale virtuelle Märkte aufzubauen, virtuelle Dienstleistungsplattformen, lokale Lieferdienste etc. Wir hätten sie nutzen können, um Menschen im Umgang mit den Medien zu schulen, um Schulen besser vorzubereiten. Wir hätten kreativ werden müssen. Und vor allem hätte man sie nutzen müssen, um den rechtlichen Rahmen für all das zu schaffen.

Die lokale Politik ist lahmgelegt

Die lokale Politik – nur als Beispiel – ist lahmgelegt. Die (lokale) Demokratie ist ausgesetzt, weil angeblich der rechtliche Rahmen fehlt. Weil selbst Monate nach dem ersten Lockdown Begriffe wie “Sitzung“, “anwesend” oder “öffentlich” in der Gemeindeordnung immer noch nicht digital verstanden werden.

für schlauer gehalten als alle Menschen vor uns

Was hätte man nicht alles besser machen können, wenn wir uns nicht für schlauer gehalten hätten als all die Menschen vor uns, die ebenfalls von der zweiten Welle einer Pandemie härter getroffen wurden als von der ersten? Geschichte wiederholt sich nicht, aber man könnte aus ihr lernen. Man könnte daraus lernen, wenn man akzeptiert, dass die Generationen vor uns auch intelligente Menschen waren. Wenn man erkennt, dass deren größter Fehler nicht mangelndes Wissen sondern vielleicht übermäßige Selbstüberschätzung war.

Nichts ist ungeheuerer als der Mensch

Πολλὰ τὰ δεινὰ κ’ οὐδὲν ἀνθρώπου δεινότερον πέλει.
(Polla ta deina, k’uden anthropu deinoteron pelei)

Sophokles’ Antigone | Stasimon A | Uraufführung 442 v. Chr.

Viel ungeheures ist, doch nichts so ungeheures wie der Mensch, ließ Sophokles bereits vor fast 2.500 Jahren den Chor der Thebaner sagen und präzisiert: Vor dem Tod allein wird er (der Mensch) sich kein Entrinnen schaffen. Aus Seuchen aber, unbewältigbaren, hat er sich Auswege ausgesonnen.*

Wir haben nicht das Virus unterschätzt, sondern uns selbst überschätzt. Wir neigen dazu seit Jahrtausenden. Unsere Hybris ist das Problem. Es kann erst nachhaltig besser werden, wenn wir genau das einsehen.

Verweise

* Übersetzung Wolfgang Schadewaldt | insel taschenbuch

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